Effenbergs allein zu Haus

Da sitze ich gestern leicht angeschlagen auf der Couch, tief in den Fernseher versunken und nehme irgendwann wahr, wie in einem Promiwelt-Magazin erzählt wird, dass eines meiner Lieblings-Promi-Pärchen, die Effenbergs, schon seit Monaten rund um die Uhr von einem Kamerateam verfolgt werden, um ihr schönes Leben anschließend im Fernsehen zu präsentieren.

Alles in allem wäre das ja ein Thema gewesen, was man gut und gerne hätte ignorieren können, wenn man nicht in den letzten Wochen halbwegs regelmäßig auf dem gleichen Sender eine Sendung gesehen hätte, in der Menschen andere Menschen suchen (diese ganz harten Schicksale á la Papa in HongKong, seit 25 Jahren nicht mehr gesehen oder Großmutter in Tansania, noch nie gesehen, kein Foto, nichts, findet die Frau aber irgendwie trotzdem). Auch wenn man soetwas normalerweise kaum guckt, gewöhnt man sich dran. Man wartet zwar nicht, bis die Stunde X erreicht ist um ein- oder umzuschalten, aber wenn sie da ist, ist es auch gut, man weiß ja was man hat.

Nun sieht es allerdings so aus, dass diese Sendung der unfassbar überflüssigen Homestory der Effenbergs weichen musste und nach einigen schmerzhafen Minuten des Zusehens bleibt die Frage: WARUM? Warum müssen ausgerechnet ein abgehalfterter Ex-Fußballer und seine (Ex)-Ehefrau, die überhaupt nix auf die Kette kriegt, ganz Deutschland an ihrem Leben teilhaben lassen und ein Kamerateam 24/7 mit sich rumschleppen?? Wen interessiert das? Ihr seid doch nicht Victoria und David Beckham, deren Leben allerdings auch schon niemanden interessiert (hat)!

Dieser Lebens-Striptease, „ungeschönt, ehrlich und voll aus dem Leben gegriffen“ ist so ziemlich das Letzte, was der Fernsehwüste gefehlt hat. Kleiner Tipp an RTL: das mit Marcel Reich-Ranicki und dem verweigerten Fernsehpreis und vor allem der Begründung dafür habt ihr aber schon mitbekommen, oder?? Wäre eigentlich ein geeigneter Zeitpunkt gewesen, die Show noch vor dem Start zu stoppen.

Aber nein, wir bekommen (sofern wir wollen) anschaulich und „endlich“ demonstriert, dass „Stefan eigentlich total albern ist“. Und sehen Stefan dann in einem Berliner Hotelzimmer zu einem Musikvideo tanzen, ungelenk, unrythmisch, unsympathisch. Albern schon, ja. Seine Liebste kann sich kaum halten vor lachen. Lachen ist das, was mir in diesem Moment im Hals stecken geblieben ist. Besonders schön auch die groß angekündigten Streits, bei denen dann auch mal eine andere Tonart herrscht, wie Claudia Effenberg meint. Gemeint ist damit eine Auseinandersetzung über eine Laugenbrezel, bei der Stefan wohl nicht liebevoll genug auf die Frage: „mit viel Salz oder wenig Salz“ antwortet und zum Dank ein Stück Laugenbrezel in die Hand gedrückt bekommt. Genug Zündstoff, um das mit einer rausgestreckten Zunge und einem mir gänzlich unbekannten Geräusch zu tun. Jungejunge.. DAS nenne ich Streit..

Natürlich wird das alles so cool wie möglich dargestellt – wir reden hier ja nicht von einem vergleichsweise harmlosen, Rockstar-Allüren-freien, fast langweiligen Fußballer z.B. á la Christoph Metzelder, der es ohne DFB-geförderten Rhetorikkurs schafft, mehr als fünf Sätze fehlerfrei geradeaus zu sprechen. Nein, wir reden hier von dem Rocker, dem ehemaligen „Fußball-Gott“, der so verwegen war, irgendwann vor 100 Jahren mal den Rebell raushängen zu lassen und einen Mittelfinger in die Kamera zu halten – Wooohooo! Der seine Frau Claudia irgendwo in Los Angeles betrogen hat, die aber trotzdem wieder zu ihm zurück gekehrt ist, auch wenn „die Ehe vorbei“ ist, „das Trennungsjahr angefangen“ hat. Der sich von Kopf bis Fuß mit mehr oder weniger schlechten Tattoos vollpflastern lässt und eigentlich nur unverständlichen Unsinn redet, wenn er den Mund aufmacht und dabei für mich ein Sympathieträger ist, der in seiner Fähigkeit, unsympathisch zu sein, sogar Oliver Kahn während eines WM-Spiels in der 89. Minute bei einem Elfmeter aufs eigene Tor überbietet.

Und Claudia.. Ja was macht sie eigentlich? Die Haare hat sie sich abschneiden lassen, stimmt. Sieht auch besser aus, keine Frage – ich will ja nicht nur meckern. Jetzt, mit der Frisur aus der Reihe „Powerfrau“, hat sie natürlich viel mehr Format als vorher, mit den langweiligen, langen blonden Haaren – SO hätte Stefan sie bestimmt nicht betrogen. Und sie wird auch nicht müde, kontextsensitive Seitenhiebe zu verteilen. Zurück zur eigentlichen Frage: was macht die Fußballerfrau eigentlich sonst so? Sie sollte ja mal eine eigene Sendung bekommen.. Also zum moderieren jetzt. Ich hab es mangels Interesse nicht weiter verfolgt, aber eine allgegenwärtige Präsenz wie bei der bezaubernden Prinzessin van der Vaart hab ich bis heute nicht wahr genommen.

Besonders spannend auch die Wohnungssuche der beiden: ein Palast überbietet den anderen. Gut, über Geschmack lässt sich sicherlich streiten, jedem das seine. Nicht, dass ich es ihnen nicht gönnen würde, nein – ich finde es ja prima, wenn Menschen, die irgendwann um die 9., 10. Klasse herum die Schule abbrechen und von dann an nur noch Fußball spielen, irgendwann so viel Geld haben, dass sie sich dermaßen teure und pompöse Häuser leisten können, ehrlich! Aber das, was man zwischendurch gesehen hat, die Diele mit bei Meinungsverschiedenheit als Fluchtweg genutzter Holz-Wendeltreppe nach unten (Richtung Garage/Hobbyraum/Partykeller), mutete doch eher an wie die eines stinknormalen Reihenendhauses irgendwo in Hattingen-Niederwenigern.

Aber die beiden sind ja Rock n´Roll. Was durch unzählige Totenköpfe, Glitter, Glamour, Ed Hardy, Smet und Christian Audigier mehr als anschaulich dargestellt werden soll, Grafiken im MTV- oder DMAX-Style, die bei Szenenwechsel immer wieder über den Bildschirm huschen, machen das Ganze besonders trendy, jung und noch rockiger. Und lassen mir das Blut in den Adern gefrieren. Mein gespaltenes Verhältnis zu dieser Art von „Kunst“ macht mir das Hinsehen leider Gottes auch nicht leichter, im Gegenteil:

Ich war froh, dass der Liebste dann auf „Nur die Liebe zählt“ bestanden hat.

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3 Kommentare on “Effenbergs allein zu Haus”

  1. Hui, da hat sich die Frau Vizekönigin aber eine Tirade aus dem Hermelin geschüttelt :) Du brichst mir aus dem Herzen :) Ich hab den Trailer gesehen und „aua“ gedacht. Ich glaub, ich habs auch gesagt. aua. Ich finde, man sollte eine Sendung über die runtergefallenen Waschlappen der Klofrau aus der Raststätte auf der A5 bei Hockenheim machen. Ist genauso spannend, oder?! wha*ever

  2. Pixeltod sagt:

    Eine sehr schöne Kritik und so wahr. Es ist eine Unverschämtheit, was manche Produktionsfirmen und TV-Anstalten an leicht flüchtigem Dünnpfiff produzieren und senden. Man kann sich des Eindrucks nicht verwehren, dass inzwischen jeder von der Straße einen Rundfunkstaatsvertrag erhalten, Intendant oder TV-Sender-Chef werden kann. Mechanismen zur Qualitätskontrolle scheinen nicht zu existieren oder zur Anwendung zu kommen. Das Prinzip: Billig produzieren und möglichst viele Werbepausen zur Verfügung stellen. Aber auch die öffentlich rechtlichen Sender sind inzwischen mit von der Partie und springen auf die erbrochenen Themen der Machwerk-Industrie der Privatsender auf.

    Die Ausrede vieler TV-Macher „die Leute wollen das sehen“ ist so dünn wie der geistige Tiefgang einer durchschnittlichen Daily-Soap-Folge, denn es ist durchaus so, dass durch das Angebot die Nachfrage erst erzeugt wird. Und selbst wenn die Nachfrage schon vorher da gewesen sein sollte, ist das noch lange kein Grund dieser in allen Fällen nachzukommen. Nur weil jemand nach geistiger Umnachtung sucht, muss man sie ihn nicht finden lassen oder ihn geradezu darauf stoßen.

    Herr Reich-Ranicki hat die Plattform der Verleihung des deutschen Fernsehpreises genutzt, und deutlich gesagt, welcher Mist gezeigt wird und wie tief das Niveau gesunken ist. Meinen Respekt. Schauen wir, ob sich was ändert.


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