SWR3 – wofür eigentlich?

Wenn man immer nur 1live hört und jetzt nicht SO sehr auf Chartsmusik steht, ist man irgendwann genervt und weicht auf die Sendungen nach 20 Uhr aus – sofern man dann überhaupt im Auto sitzt. Wenn man aus welchen Gründen auch immer (in meinem Fall ein Umzug aus der Senderegion hinaus) kein 1live mehr empfängt (also zumindest nicht ohne größeren Aufwand und im Auto geht das sowieso nicht), merkt man erstmal, was man daran hatte.

Hier regiert der SWR und was dem WDR sein 1live ist, soll dem SWR sein SWR3 sein. Wie man jemals auf diese Meinung kommen konnte, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Soetwas wie 1live gibt es deutschlandweit nicht noch einmal. Mal abgesehen davon, dass der „beste Musikmix“ auf SWR3 in erster Linie aus gähnend langweiligen und schlechten 80er „Tophits“ und den Plätzen 1-3 der deutschen Singlecharts in einer scheinbar endlosen Rotation besteht, hat der Sender auch sonst so gut wie gar keine Entertainment-Qualitäten. Zur sinnfreien Verheizung einiger weniger guten Songs: selbst wenn man Kate Perrys „I kissed a Girl“ eigentlich gar nicht sooo schlecht fand, ist dieser Zustand des eigenen Geschmacks garantiert nach sechs 15-Minuten Autofahrten vorbei, da man dieses Lied dann auch sechsmal gehört hat. Freut man sich als Fan von Linkin Park darüber, dass endlich mal „Shadow of the Day“ gespielt wird, hängt es einem nach spätestens 4 Tagen so sehr zum Hals raus, das man das Radio abschaltet oder die Lautstärke auf Null runterregelt, statt wie sonst (zumindest bei anderen Songs der Band) laut aufzudrehen. Für Freunde elektronischer Musik wie ich es bin, gibts es überhaupt NICHTS, lediglich die Dance Night sorgt mit Glück alle 30 Minuten für einen kurzweiligen Zustand von Melancholie, weil man den gerade gehörten Track schon ungefähr 15 Jahre lang nicht mehr gehört hat.

Gut, der Süddeutsche ist per se ja etwas anders als der Nordrhein-Westfale. Das fängt bei der Sprache an, geht über Essensgewohnheiten und hört bei einer manchmal doch etwas eingeschränkten Sicht auf die Dinge auf:
„Was ischtn die Krone und was für komische Lieder haben die denn da gespielt? Kannt ich gar net..“ Hier ging es um Lied 4 der deutschen Singlecharts, aber klar, wird hier ja auch nicht gespielt. Ich frage mich ja schon seit längerem, wie hier überhaupt irgendwelche Konzerthallen voll gekriegt werden, wenn die Musik nirgendwo gespielt wird, ergo auch niemand weiß, wer wer ist.

Was SWR3 kann, ist Community-Building. Ich hab zwar nichts mit Rundfunkmedien zu tun, dafür aber eine Menge mit Online-Communities. Vergleichswerte für andere Radiosender fehlen mir, aber im großen und ganzen muss ich wirklich sagen, dass sie das auf jeden Fall sehr gut drauf haben.

Das ist aber auch alles. Neben grottenschlechter Musik und gnadenlos untalentierten Moderatoren mit lustigen Sprach-Ichweißnichtwas (es sind keine Fehler, aber normal redet man so auch nicht, klingt wie sprechen mit Mini-Murmeln, die ganz hinten unten in die Wange geschoben wurden) ist der mir unverständlichste Bestandteil dieses Senders der eigene Humor und die Einstellung zu Comedy. Hat man sich in NRW durchaus auch mal über flachen Humor á la „Lukas Tagebuch“ oder „Ernie und Herr Bert“ kaputt gelacht weil es bei aller Anspruchslosigkeit manchmal einfach lustig war, fragt man sich bei den „Comedy“-Auswürfen des Südwestrundfunks eigentlich immer, welcher Redakteur jetzt schon wieder wegen Unzurechnungsfähigkeit rausgeschmissen werden sollte.

Die Comedysendungen sind, egal ob auf Thema, Inhalt, Sprecher, Hintergrundgeräusche, Hintergrundmusik oder Sinn bezogen, nicht nur nicht witzig, sie sind so unfassbar unlustig, dass es ihnen noch nicht einmal gelingt, mir ein kaum spürbar leichtes Zucken am linken oder rechten Mundwinkel zu entlocken. Und ich versuche wirklich immer wieder, unvoreingenommen, ohne selbst gebaute Vorurteilsmauern, dafür mit deutlich herabgesetztem Anspruch an so ein 30sekündiges Stück Langeweile heranzugehen, gelingt mir aber nie. Selbst der kleine Hoffnungsschimmer, bei dem Anke Engelke eine von zwei Hauptrollen spielt, ist so langweilig, dass man sich beim Zuhören immer wieder darauf besinnen muss, dass das nicht wirklich Anke Engelke ist und dass sie eigentlich echt gut ist.

Vielleicht ist das ja der Humor hier unten, ich weiß es nicht. Sollte dem so sein, wird das so lange ich hier wohne auf jeden Fall ein Problem für mich bleiben.

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7 Kommentare on “SWR3 – wofür eigentlich?”

  1. Alf sagt:

    Für den Artikel verleihe ich Dir die „1Live Vizekrone“.
    Das mußte mal geschrieben werden.

  2. Liss sagt:

    Danke! Ich hab mich mittlerweile so alleine mit meiner negativen Haltung gegen SWR3 gefühlt, dass ich ihn heute seit Ewigkeiten mal wieder gehört habe. Furchtbar!
    Da höre ich doch lieber weiter SWR1 im Auto, wo mir zwar alte aber dennoch gute Musik zusammen mit einigermaßen niveauvollen Moderationen geliefert werden.

  3. markus sagt:

    *g* bin auch für die „1Live Viezekrone“

    Als 1Live noch WDR1 war hörte ich Sonntags ganz gerne eine Show mit Elmar Hörig auf SWR3 … das war damals richtig gut…
    Wenn ich heute den „Sektor“ verlasse muss dann doch der Wechsler oder iPod eingeschaltet werden. ;-)

  4. Blabbermouth sagt:

    Grad läuft zum 4. Mal „Linkin Park“ heute. Höchst abwechslungsreich, der Spaß… Das erinnert mich ein bisschen an „Täglich grüßt das Murmeltier“ – so ungefähr ist das Radioprogramm vom SWR3!

  5. vizekönigin sagt:

    Heute haben wir wieder drei Mal shadow of the day in kürzester Zeit (speziell bei mir waren es zwei Mal bei zwei Autofahrten) gezählt.

    @alf und @markus: danke! *knicks*

    @Liss das Problem hier ist, dass jedes noch so kleine Stückchen Welle durch einen französischen Sender blockiert ist – SWR1 überhaupt zu suchen, ist für mich schon Schwerstarbeit.. Aber ich versuche es weiter!

  6. muenki sagt:

    Als mittelbar Betroffener möchte ich natürlich auch hierzu kurz meinen Senf abgeben. Ich kann vollkommen nachvollziehen, wie begeistert du von EinsLive bist. Fairerweise muss man aber auch sehen, dass der Sender eine absolute Ausnahmestellung genießt, denn EinsLive ist in der Radiolandschaft NRWs praktisch konkurrenzlos. Es gibt in NRW neben dem WDR nur die private Radio-NRW-Kette, die für die breite Masse aufgestellt sind. Somit genießt EinsLive eine einmalige Radiofreiheit, begünstigt auch durch die GEZ-Gebühren, die sie unabhängiger von der Quote und den daraus resultierenden Werbeeinnahmen machen. Dazu kommt die Quote zu EinsLive fast von selbst, da vor allem junge Hörer in NRW, die was anderes außer reines Format-Radio hören möchten wiederum auch keine Alternative haben. Eine Win-Win-Situation, durch die gutes, ausgefallenes Programm entstehen kann. Bei SWR3 ist die Situation vollkommen anders. Sie müssen im Format-Stream mit schwimmen um konkurrenzfähig zu bleiben, denn die Quote kommt bei der Konkurrenzdichte in den 3 Bundesländern, in denen sie zu empfangen sind, nicht von allein.
    Wenn ich jetzt noch beginne über die Wissenschaft der Musikauswahl bei Formatradios und die Wiederholungsdichte von Titel zu schreiben, sitze ich morgen noch dran.
    Natürlich wiederholen sich die erfolgreichsten Titel im Tagesprogramm mehrmals, aber nicht aus vorsätzlicher Hörerqual, sondern weil es die Masse der Hörer tatsächlich so möchte. Ein Beweis dafür ist „Antenne Bayern“, die striktes Format-Radio fahren und dabei ihre Rotation auf die beliebtesten Titel reduzieren und dadurch einer der erfolgreichsten Sender Deutschlands ist. Hier kommt allerdings auch der „EinsLive-Effekt“ zum Tragen, denn in vielen Teilen Bayerns sendet die „Antenne“ ebenfalls konkurrenzlos, da in den Tälern nichts vergleichbares außer „Heimatmelodie“ zu empfangen ist.
    Und zu dem „lispelnden“ SWR3-Kollegen – vermutlich Christian Thees: Er klingt schon etwas gewöhnungsbedürftig, gehört fachlich aber zu den Besten des Landes und ist dir immerhin mit seiner Art im Gedächtnis geblieben, und es nicht das, was eigentlich zählt?

  7. vizekönigin sagt:

    Natürlich ist er das, das ist aber so wie mit schlechter Werbung, über die auch jeder spricht. In Bezug auf seine fachlichen Qualitäten kann ich mir nicht anmaßen, ein Urteil darüber zu fällen, davon hab ich keine Ahnung. So sieht es de facto aber bei so ziemlich allen Menschen aus: man hört nur das, was man hört und die journalistische Arbeit dahinter nimmt man kaum noch wahr, wenn man dazu geneigt ist, den Sender zu wechseln. Der Vergleich hinkt vielleicht etwas, aber ich habe es tagtäglich mit ein, zwei fachlich extrem guten Redakteuren zu tun, die aber, was ihre soziale Kompetenz betrifft, eine totale Katastrophe sind. Da fällt es mir von Mal zu Mal schwerer, mich auf ihr Können zu besinnen.

    Was ich neben der Musikwahl (die du mir sehr einleuchtend erklärt hast, danke dafür) aber hauptsächlich kritisiere, ist die Art und Weise der Unterhaltung, die „Comedy“, die keine ist. Und das kann eigentlich nichts mit Quote, Konkurrenzkampf oder ähnlichem zu tun haben, im Gegenteil: wenn ich viel Reichweite haben will und mich nach Möglichkeit vom Wettbewerb abheben möchte, muss ich etwas anderes, besseres machen. In Puncto Comedy auch erwartungsgemäß lustig zu werden dürfte dabei weder anstrengend, noch utopisch sein.. Oder liegts tatsächlich nur an meinem Humor?


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