Gastbeitrag: „Wir begreifen die Wege des Himmels nicht!“ Wackenroder weiß Weises

Heute ist andersrum. Das Unwort kommt im Rahmen von Konnas Blogjulklapp-Aktion mit einem wunderbaren Gastbeitrag bei mir zu Wort. Danke dafür, ich hab mich sehr amüsiert! :-)

blog-julklapp
Was uns Menschen hauptsächlich von Tieren wie Wildschweinen oder Seepocken unterscheidet, ist unsere Fähigkeit, zu sprechen. Wir können mit unseren Mitmenschen kommunizieren, und zwar verbal. Manchmal funktioniert es ganz gut, manchmal eher weniger.

Wir Menschen sind auch so stolz auf unsere Sprachfähigkeit, dass wir einerseits extra ein eigenes Wort erfunden haben, um diese unsere Sprachfähigkeit zu beschreiben (langage, und nein, es fehlt kein u), und andererseits etwa 6500 verschiedene Sprachen erfunden haben, just for the fun of it.

Eigentlich haben es die Wildschweine da besser, wenn man mal drüber nachdenkt. Denn wenn ein westeuropäisches Wildschwein unvermutet auf ein Wüstenwarzenschwein trifft, gibt es keine Kommunikationsprobleme: „Grunz“ versteht jedes Schwein, ob borstig oder warzig. Seepocken haben bisher ebenso wenig über Kommunikationsprobleme geklagt, was vermutlich daran liegt, dass sie nicht reden, also auch keine Kommunikationsprobleme kennen; und wenn sie sie kennten, könnten sie sich nicht beklagen, weil sie nicht reden können. Ein teuflischer Kreis.

Menschen jedoch können sowohl reden als auch klagen. Und beides tun sie viel, oft und gern.
Nun gibt es bei Menschen die Unsitte, sich selbst besonders toll zu finden. Und wenn man schon sich selbst nicht besonders toll finden kann, weil man möglicherweise erkannt hat, dass man nicht toll ist , findet man eben andere Menschen toll, weil sie etwas Tolles gesagt haben. Zum Beispiel „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Ja, der Churchill ist schon ein schlauer Kerl… Oder „Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher.“ Hach, Einstein. Ist er nicht weise?

Diese Leidenschaft für das Gesagte besonders intelligenter Leute erstreckt sich auch blindlings auf Zitate, die lediglich leidlich intelligent klingen und zumeist von Menschen stammen, die kein Schwein („Grunz!“) kennt (und auch keine Pocke):

  • „Wir begreifen die Wege des Himmels nicht“ (Wilhelm Wackenroder)
  • „Viele Scheidungen sind die Folge einer Mid-Wife-Chrisis“ (Kuno Klaboschke)
  • „Wenn man sich nicht mehr wehren kann, dann ist es Liebe“ (Martin Viertel)

Besonders letzteres erstickt geradezu an seiner eigenen Überflüssigkeit, klingt aber trotzdem unglaublich weise. Ach, muss dieser Herr Viertel toll sein…

Die blinde Zitateliebe geht so weit, dass der handelsübliche Leser nicht mal mehr unterscheiden kann und vor allem auch gar nicht mehr will, ob ein Zitat nun echt ist oder nicht. Ich habe vor ein paar Monaten auf meinem Blog ein Zitate-Widget eingefügt, in dem ich einige Weisheiten veröffentlicht habe. Es scheint niemandem aufgefallen zu sein, dass diese Zitate ebenso erfunden waren wie ihre angeblichen Verursacher. Ich schwadronierte:

  • „Freunde können schweigen und gleichzeitig unglaublich viel sagen.“ (Frieder Semmund)
  • „Wo du gehst, ist der Weg.“ (Johannes Alterhusser)
  • „Das Wesen eines Menschen kann man nicht fotografieren, sondern nur beschreiben. Was ist also mächtiger: das Bild oder das Wort?“ (Miroslav Hrondcek)
  • „Das Glück ist nur deshalb so schwer zu finden, weil es kleiner ist, als man es gerne hätte.“ (Julius Wurger)

Für einige der Zitate bekam ich sogar Lob: Das sei doch wirklich schön, was da steht. Mag ja sein: Nur ist es von mir. Ist es dadurch weniger schön?

Nicht? Aber es käme Ihnen schon komisch vor, wenn ich auf meinem eigenen Blog Zitate von mir veröffentlichte, oder?

Eben.

Nicht mal bei folgendem Zitat, mit dem ich den Versuch eigentlich beenden wollte, hat sich jemand beklagt:

  • „Du wirst deine Ziele erreichen, wenn du ganz fest an dich glaubst – und hart arbeitest.“ (Jens Knobloch)

Und das ist ja nun wirklich platter als Nordfriesland jemals war. Und glauben Sie mir: Ich weiß, wie flach Nordfriesland ist, ich wohne nämlich nebenan.

Die Bereitschaft der Menschen, etwas zu akzeptieren, wenn man es in wabernde, wohlklingende Weisheiten webt, scheint unergründlich.

Lassen Sie mich also schließen mit einem beliebten Zitat des weisen Handwerkermeisters Jens S. Nargel: „Das Leben ist wie Fliesenlegen: Irgendwann greift jeder zum Hammer.“

Unwort des Tages: „Wir begreifen die Wege des Himmels nicht.“

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3 Kommentare on “Gastbeitrag: „Wir begreifen die Wege des Himmels nicht!“ Wackenroder weiß Weises”

  1. Blabbermouth sagt:

    Sehr schön! Bei so viel Erfolg solltest Du versuchen, Kapital daraus zu schlagen – dann gibt’s nicht nur Mondgrundstücke, Sterne oder Regenwälder zu kaufen, sondern auch ganz eigene Zitate… eine romantische Idee ;-)

  2. konna sagt:

    Schlicht genialer Beitrag! :)
    Ich finde ja, dass noch hinzukommt, dass viele Zitate einfach ein bisschen sehr überstrapaziert werden, sodass ihre Wirkung irgendwie nachlässt. Churchill und Einstein da oben aus dem Beitrag gehören zum Beispiel dazu.

    Ich habe mich aber auch sehr amüsiert über diesen Beitrag, lieber Basti. Danke dafür! :D

  3. Basti sagt:

    Ah, das Zitateverkaufen ist eine gute Idee! Danke dafür. Man könnte einen eigenen Zitateshop eröffnen… „Zitate für jede Gelegenheit – sofort zum Mitnehmen!“ oder so.


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