Wir werden alle verhungern. Am Sonntag.

Ich plane den Start ins Wochenende. Währenddessen fällt mir ein: „Huch, Tag der deutschen Einheit. An einem Samstag.“ Also plane ich um. Gewitzt wie ich bin, schmiede ich einen neuen Plan, der mir meine Überlegenheit gegenüber der ganzen Welt um mich herum beweist: ich mache einfach ein klitzekleines Bisschen früher Feierabend und gehe dann direkt einkaufen. HA! Und ich plane, uns dieses Wochenende fast ausschließlich mit Kürbissen und thailändischem Essen am Leben zu halten. Kürbisse wurden schon vor zwei Wochen zwecks Deko und mit Nachreif-Vorhaben gekauft, thailändisches Essen verbietet mir, mich an einem Freitag vor einem Feiertag an einen von Anarchie überwältigten Ort wie einen Supermarkt zu gehen. Normalerweise.

Leider bin ich nicht mehr da, wo ich vor zwei Jahren noch war. Dort, wo der Asia-Supermarkt auch ein Supermarkt und nicht eine winzig kleine Bude ist, in der drei mehr oder weniger entzückende Thailänderinnen mir vertrautes, aber unverständliches Zeug vor sich hinbrabbeln und jedes Mal hektisch lächeln, wenn ich fragend in die Runde gucke. Dafür bekommt man hier auch schon mal einen Teller Pad Thai angeboten, wenn die Chefin genug gekocht hat und die Runde nicht auf den Stühlen hinter der Kasse den ohnehin schon sehr kleinen Laden noch kleiner macht, sondern wahlweise auf dem Boden oder irgendwelchen thailändisch oder vietnamesich beschrifteten Kisten sitzt und isst. Bei allem Charme fällt mir dann aber doch die mangels Platz und vielleicht auch mangels Nachfrage etwas eingeschränkte Auswahl an nicht-ausschließlich-thailändischer Ware auf, ich muss also doch in einen größeren Supermarkt, der mehr zu bieten hat.

Dort angekommen bietet sich schon auf dem Parkplatz ein grauenhaftes Bild des Chaos. Überall stehen Autos, kreuz und quer, aber noch einigermaßen entspannt. Im Supermarkt lässt die Entspannung auch bei mir merklich nach, vor mir laufen Mütter mit schreienden Kindern, genervte Männer, die ihre Frauen anschreien, weißhaarige Menschen, die in Wahrheit schockartig gealterte Ausgaben der Menschen sind, die samstags ihre erste gemeinsame Einrichtung bei Ikea einkaufen und beim Möbelpfadentlangschlendern sterben. Der Liebste steht dauernd wie eine geladene Waffe in einer Ecke, versucht, seiner Aggression mit Twitter ein Ventil zu geben. Sein Geisteszustand irgendwo zwischen verwirrt, hilflos, aggressiv und meditativ. Irgendwann, nachdem ich alles habe, schaffe ich es, uns beide ohne Amoklauf und zumindest noch ganzganz leise lächelnd, zu einer komplett freien Kasse zu manövrieren, versetzte Kassenraumplanung mit unübersichtlicher Platzierung der begehrten Objekte sei dank.

Geschafft. Zumindest denke ich das. So lange, bis ich in der Küche loslegen und uns das lang ersehnte Festmahl zubereiten will. Dabei fällt mir auf, dass mir für einen Auflauf eine entscheidende Zutat fehlt – ziemlich entscheidend, sofern wir nicht gedörrte Kartoffeln zu uns nehmen wollen: Käse. Ich muss also nochmal los. Um zwanzig Uhr. Zwei Stunden, bevor der Laden für 48 Stunden seine Tore schließt, weil der Tag der deutschen Einheit – besonders überraschend – auf einen Samstag fällt. Oder ein Krieg ausbricht, eine Epidemie verbietet, Haus und Hof zu verlassen; die Welt untergeht; die Grundversorgung der gesamten Offenburger Bevölkerung für immer und ewig nicht mehr gewährleistet ist.

Ich gehe trotzdem, der Hunger treibt mich. Das Ausmaß der noch nicht passierten Katastrophe zeigt sich wieder einmal sehr deutlich auf dem Parkplatz – jetzt schon deutlich hektischer und ungleich aggressiver als vorher. „MÖÖÖÖÖÖP!!!“ „ALTA, DAS IST MEIN PARKPLATZ, VERPISS DISCH DA WEG, ALTAAA!!!“ „HUUUUUUP“ „SIE STEHEN OHNE AUTO AUF EINEM PARKPLATZ“ „JA, MEIN MANN KOMMT JETZT AUCH MIT SEINEM AUTO DA UM DIE ECKE, ICH HALTE IHN FREI – WENN SIE IHN WOLLEN, MÜSSEN SIE MICH ÜBERFAHREN!!“ Wenn ich nicht aufpasse und schnell genug mit der Handbremse eine hollywoodreife Einparksituation hinlege, rast jedes Mal ein kleiner, rotzfrecher Fiat 500 oder ein Smart oder sonst ein agiles Miniaturfahrzeug vor mir in eine Parklücke. Aber ich bin gut, schaffe es und gehe rein. Im Inneren der Konsumhölle herrscht nur noch Chaos. Verzweifelte Menschen mit tonnenweise, offenbar wahllos zusammengesammelten Waren, meterhoch in ihren Einkaufswagen aufgetürmt, suchen sich noch mehr Lebensmittel, die ihnen das Überleben der nächsten ZWEI Tage sichern sollen. Oder habe ich nur etwas nicht mitbekommen und ab morgen machen alle Supermärkte zwei Wochen Herbstpause? Ich lächle in mich rein, habe ja schließlich alles, was lange an der Kasse aufgehalten hätte, schon zu Hause. Suche mir meine Flasche Öl und den geriebenen Käse zusammen, atme tief durch, drehe mich von der Käsewand am Ende des doch recht großen Supermarktgebäudes weg in Richtung Kasse – und falle fast in Ohnmacht.

Von der Wand aus kann ich die Kasse nur noch erahnen, normalerweise kann man sie sehen. Normalerweise. Es sind zwar gut und gerne 30 Meter vom Käse zum Geld, aber diese 30 Meter sind von vorne bis hinten, also bis zu mir, komplett mit Menschen und Einkaufswagen gepflastert. Ich muss mich kurz sammeln und aufpassen, dass mir die Ölflasche nicht auch wie der Käse vor Schreck aus der Hand fällt. Und ich mache mich gerne zum Affen, wenn ich ungläubig ein Foto von dem mache, was ich da sehe. Dann entscheide ich mich für ein anderes Essen, vielleicht bestelle ich uns einfach eine Pizza.

Foto(2)

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7 Kommentare on “Wir werden alle verhungern. Am Sonntag.”

  1. FrauLehmann sagt:

    Scheiße, morgen ist alles zu? Scheiße!

  2. melanie sagt:

    Selbst beim abgelegen dm auf der Steeler Straße war heute Ausnahmezustand..bei REWE sowieso..ich habe aber nur fürs Frühstück eingekauft..Muss der Mann mich eben zum Essen ausführen ;)

  3. westernworld sagt:

    westernmom: ”bla, blu, balh, bläh … petersilie vergessen …”

    westernworld: ” kein problem bring ich dir mit geh ja morgen sowieso noch einkaufen …”

    westernmom: ” morgen ist FEIERTAG.”

    westernworld: ” §$☁☂☈☇✔☹㈵㈷㉂%&??↶↷↹!!!! scheiße”

  4. Curi0us sagt:

    Was mich total irritiert hat, war dass hier alles völlig entspannt war, als ich um halb acht beim Discounter des Vertrauens und ne halbe Stunde später im Supermarkt aufschlug und meinen Feiertagseinkauf machen wollte.

    Aber allein das Foto ist ja schon mal gruslig…

    @westernwold LOL, hätte mir auch passieren können.

  5. vizekönigin sagt:

    Ihr habt das echt nicht mitbekommen, Frau Lehmann und Westernworld? Aber gut, DIE Art von Hamsterkaufpanik ist in Großstädten auch eher unüblich. Siehe Curious. Ausnahmen bestätigen aber – vor allem in Essen – die Regel. Siehe Melanie.

  6. Thomiez sagt:

    Oh man, angesichts solche Schlangen weiß man wirklich nicht, ob man lachen oder weinen soll… echt krass! Was ist nur immer mit den Deutschen los an solche Feiertagen? Die kaufen doch sonst in einer normalen Woche auch nicht so viel?! Ich werd es nie verstehen. Haben gestern ähnliches erlebt in unserer neuen Shoppinggalerie. Aber da ging es eher um Klamotten und Co. zu gucken und den Sonntag zu nutzen. Unseren geriebenen Käse aus der Frischeabteilung bekamen wir hingegen in 3 Minuten. *toitoitoi* ;-)

  7. vizekönigin sagt:

    DAS find ich eigentlich noch viel merkwürdiger von den Städten – direkt einen verkaufsoffenen Sonntag hinterherschieben.. Gibts bei uns nächste Woche auch. ;-)


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